Letzte Tage. Ein Vorabend. Eine Enttäuschung.

Der freundliche Herr von der Security war etwas irritiert: “Des piepst, als hätten S’ a 45er Magnum mit.” Und je öfter er mit seinem Metalldetektor über meine Oberschenkel strich, umso stärker wurde das investigative Flackern in seinen Augen. Umso stechender wurden übrigens auch die Blicke der Graumelierten und Schwarzbedressten hinter mir in der Warteschlange, die dieses außergewöhnliche Vorspiel zum programmierten Highlight der Wiener Festwochen, das von Christoph Marthaler inszenierte und kompilierte Stück “Letzte Tage. Ein Vorabend.“, noch vor sich hatten. Verantwortlich war gewissermaßen der Hochsicherheitsspielort für dieses “Projekt” des Schweizer Regisseurs: der historische Sitzungssaal im Parlament. Und das nimmt bekanntlich nur Publikum, das zuvor per Detektor gescannt wurde.

Ich wurde besonders aufmerksam gescannt, sah mich schon im Parlament die Hosen runter lassen, um eine knackige Vollperlustrierung zu gewärtigen. Doch irgendwann und leicht verzweifelt ließ der Mann von meinen Oberschenkeln ab, als Existenzbeweis stieß er noch eine kleine Feuerzeug-Diskussion an – und dann war ich endlich drin. Gut, dass ich die 45er zuhause gelassen hatte.

Langer Anlauf, kurzes Fazit: Der Aufwand hat sich nicht gelohnt. Dabei war Marthalers Konzept durchaus geeignet, den Reichsratssaal mit einer Botschaft aufzuladen. Spannend war das Setting – das Publikum saß vis-à-vis der Abgeordneten-Pulte, verfolgte die Handlung im Halbrund von der Regierungsbank aus – beeindruckend war der Spielraum, der prunkvoll ausgestattete, mit reichlich Ornament, Blattgold und Eichenholz veredelte Sitzungssaal.

Pompöser Zinnober für einen düsteren Hort des Pseudo-Parlamentarismus, in dem sich die Abgeordneten der Kronländer der Donaumonarchie vor allem rituell und aufs Heftigste befetzten. Nicht zuletzt aber war dieser Saal Ende des 19. Jahrhunderts Schauplatz für üble, von Antisemitismus und rassistischen Ressentiments durchtränkte Wortmeldungen.

Hier hakt Marthaler ein und collagiert aus den Protokollen eine Dokumentation des Juden- und Fremdenhasses. Zitiert – und von präzise, zurückgenommen agierenden Schauspielern und Sängern interpretiert – werden die in dieser Sache auffälligen Karl Lueger, sowie akute Rechtsausleger wie etwa Ungarns Viktor Orbán samt Gesinnungsgenossen aus Fidesz-Land oder ein aktueller österreichischer Landespolitiker.

Von der Vergangenheit bis ins Heute reichen also die Beweise für die rhetorische Brandstiftung, die ab Anfang der 1930er in Europa bekanntlich zu einem Flächenbrand führten. Gebrochen werden die inszenierten Vorlesungen – mal wird deklamiert, mal gefeixt – mit den Schicksalen von neun jüdischen Komponisten, die entweder in die Emigration gezwungen oder von den Nazis zu Tode gebracht wurden: Erwin Schulhoff, Jozef Koffler, Alexandre Tansman, Viktor Ullmann, Efim Kiljarov, Fritz Kreisler, Ernest Bloch, Pjotr Leschenko und Pavel Haas.

Deren Vertreibung, deren Ermordung macht Marthaler zu Zeugen für das, was Politiker mit ihren Hetzreden und dumpfem Populismus auszulösen vermögen. Sprechen lässt er aber bloß deren Kompositionen, die – interpretiert von einem sechsköpfigen Orchester – die Antisemitismen und Rassismen widerspiegeln. Und da sind wir auch schon bei einem Problem der Inszenierung: Nach ein paar guten Ideen am Beginn, hat Marthaler rasch sein Pulver verschossen. Dumpfe Schweinestall-Rhetorik folgt auf Musikstück, dann gibt’s wieder Hetze, sogleich wieder Kapelle. Sehr statisch, sehr berechenbar läuft das alles ab, mehr als eine zweieinhalbstündige Betroffenheits-Atmo vermag der Regisseur seinem Stoff nicht abzugewinnen.

Zumal, und da haben wir ein grundsätzliches Problem von Hochkultur im Allgemeinen und Theater im Speziellen, im Publikum wohl niemand sitzt, den Luegers Ausfälle auch nur ein klein wenig überraschen können. Lehrstück ist “Letzte Tage. Ein Vorabend.” also nicht, viel mehr eine etwas langatmige Belehrung.

Dass das starre Text-Musik-Text-Schema im letzten Drittel der Inszenierung zugunsten eines reinen Musikabends aufgelöst wird, nimmt man angesichts des Klasse-Ensembles und der außergewöhnlich schönen Stücke dankbar zur Kenntnis. Was bleibt: ”Letzte Tage. Ein Vorabend.” ist gut und richtig und wichtig. Einen Weg in mein Herz hat Marthaler nicht gefunden. Schade.

Schleich di oder das Ende der Street Photography.

IMG_3550Saul Leiter, genauer die Ausstellung der Werke des Fotografen im Kunsthaus Wien, hat mich ratlos, irritiert und mit modrigem Ingrimm zurück gelassen. Was, fragte ich mich, kann ich von diesem Allround-Künstler, Jahrgang 1923, lernen, der in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg die sogenannte New York School of Photographers mit seinen vielschichtigen, opak schimmernden Farbfotos maßgeblich mit prägte?

Eine Schule, die – Achtung Gemeinplatz – nichts anderes als eine Lebensschule in mehrfachem Sinne war. Die Eleven, die ab Mitte der 1930er mit ihren Leicas und Rolleiflexes durch die City stromerten hießen Richard Avedon, Walker Evans oder eben Saul Leitner, sie alle hatten selten einen Auftrag, aber meist einen konkreten Plan – wie etwa Evans, der über Jahre hinweg mit einer Knopfloch-Kamera heimlich Subway-Passagiere ablichtete – und wenn der Plan bloß darin bestand, die Banalität des Alltags einzufangen.

Nun: Wenig konnte ich von Dir lernen, Leiter. Leider.

“Dass diese Fotos einmal für irgendwas zu gebrauchen wären oder gar Kunst seien, darüber machte ich mir damals keine Gedanken”, sagte der Amerikaner einmal. Er, der Sohn eines Rabbiners, der über die abstrakte Malerei zufällig zur Fotografie kam, sei vor allem neugierig auf das Leben gewesen. Das bot New York City, diese versiffte, an sich selbst würgende, ereignissatte Metropole an jeder Straßenecke. Die beiläufige, unverstellte Herangehensweise an die Menschen, Objekte, Ereignisse, Soziotope etablierte die Kategorie der Street Photography. Wahrheit war nicht unbedingt ihr Thema, aber zumindest eine dokumentarische Wahrhaftigkeit. Und eben: der Mensch.

Bemerkenswert, darüber hinaus, bei Saul Leiter: der Respekt, den er seinen Motiven zollte. Da ist nichts Voyeuristisches, kalkuliert Decouvrierendes in seinen Bildern. Leiter, dessen Werk im Jahr 2006 dank einer Ausstellung in einer New Yorker Galerie wieder entdeckt wurden, wahrt instinktiv die Privatsphäre seiner Protagonisten.

Mittlerweile gehören die Werke der Street Photography zum kollektiven Gedächtnis der Vereinigten Staaten. Von Frankreich aus – Paris war in den 1920ern nicht zuletzt dank Henri Cartier-Bresson quasi die Volksschule der Straßenfotografie – kam das Genre auch in Großbritannien und Deutschland an.

Und heute?

Ist die Street Photography eine gefährdete Spezies. Dafür gibt es nicht einen Grund. Aber viele Ursachen.

  • Dank Smartphone, Kleinstkamera oder – relativ günstiger – semiprofessioneller DSLRs fühlen sich immer mehr in den Stand gesetzt, zum Dokumentaristen der Straße aufzusteigen. Doch viele haben weder Idee noch Plan – auch ich manchmal nicht – und halten den Leuten einfach ihre Objektive vor die Nase. Das ist weder gut noch höflich.
  • Facebook und Twitter sind riesige Aggregatoren des Alltags. Jeder Moment ist Bild. Aber nicht jedes Bild ein Moment. Das macht Letzteren inflationär.
  • Mit ein paar schicken Instagram-Filtern lässt sich jeder Schnappschuss in den Rang eines kleinen Kunstwerks heben. Nur ist das nun einmal nicht so. (Asche auf mein Haupt, selbstverständlich.)
  • Und nicht zuletzt: die Massenmedien (schöner 70er-Jahre-Terminus). In immer mehr, immer schäbigeren Dokumentationen und flatscreenflachen Real-Life-Serien geben sie vor, “das wahre Leben” auszuleuchten. Stattdessen geben sie Menschen der Lächerlichkeit preis, entwürdigen sie und delektieren sich an ihren Schwächen. Grelle Momente des Fremdschämens zur Primetime. Und wenn der Alltag nicht passt, wird er per Scripted Reality passend gemacht. Respekt? Bloß ein Quotenkiller.

Allein: Jeder, der selbst einmal als wenig erquickliches Partyfoto auf Facebook aufgetaucht ist (das man auch noch, schmerzhaft selbstironisches Ritual des Mediums, brav liked) und einen Rucksack mit einschlägigen Fernseherfahrungen mit sich herum trägt,  sieht in mir, den Typen mit der Kamera, der ihn, sein Leben, in den Fokus nimmt, nehmen könnte, einen fiesen Paparazzo. Oder einen Kriminellen.

So begegnete man mir zumindest, als ich unlängst von der Straße also von öffentlichem Grund aus mit dem iPhone einige Einfamlienhäuser ablichtete. Ein paar Probebilder für ein kleines, liebreizendes Projekt. Nun: Nach einigen Aufnahmen wurde ich von Balkonen herunter beschimpft, aufgeschreckte Anwohner brüllten einander über Thujen-Hecken hinweg Warnungen zu (Margaräta! Kumm schnö aussa! Achtung! Do fotografiert jemand dei Haus!), nicht betroffene, sich betroffen fühlende Nachbarn drohten mit der Polizei und ziehen mich lautstark der “Einbruchsfotografie“. Besänftigende Worte meinerseits wurden mit einem beherzten “Schleich di” erwidert. Kurzum: ich war die personifzierte rumänische Einbrecherbande.

Tatsächlich war ich kein Krimineller. Und ich fotografierte nicht einmal Menschen, sondern Gebäude. Aber, so dachte ich mir, als ich von dannen zog, wenn ich das heute machen würde, was Walker Evans und KollegInnen damals gemacht haben, dann wäre ich wohl einer. Ich muss, nein müsste, treu nach den Buchstaben des Gesetzes, von jeder Person, die ich fotografiere, eine schriftliche Genehmigung einholen. Ich müsste, wenn ich einem Walker Evans gleich, in der U-Bahn heimlich Menschen ablichten würde, damit rechnen, aufs allerherzlichste verklagt zu werden. (Anwälte gibt es in diesem Land genug, ihre Zahl hat sich in den vergangenen 20 Jahren nahezu verdoppelt.) Und nicht zuletzt muss ich aus den oben angeführten Gründen damit rechnen, freundlich aber bestimmt eine angeraucht zu bekommen. Österreich ist ein härteres Pflaster als New York City.

Das habe ich mir gedacht, Saul Leiter.

Annamateur und der Overhead des Grauens.

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Innen des Jahres zu sammeln, ist mir ja eine große Passion. Da wäre etwa die werte Kollegin Lisa Stadler, ihres Zeichens Grazerin des Jahres. Oder meine alte Disco-Bekanntschaft Monika Rathgeber, inoffizielle Salzburgerin des Jahres obwohl gebürtige Braunauerin. Der Frau ist es immerhin gelungen, eine Landtagswahl loszutreten, deren Ergebnis die Restauration klerikal-katholischer Werte an der Salzach zeitigte. Der Erfolg der Grünen, die am Land so auch in Salzburg von einer öko-konservativen Gemeinschaft dominiert werden, ist indes bloße Bodyshop-Kosmetik. Der neue Landeshauptmann in Priestergestalt wird sich nicht den Teufel ins Haus und schon gar nicht in die Regierung holen. Bleibt zu konzedieren, dass es die U-Ausschuss-Abwürg-Partei SPÖ kolossal zerrissen hat. Große Otto-Pendl-Gedächtnismedaille am Bande für die Burgstallergabi.

Und damit zu Wichtigerem, konkret dem neuesten Zugang in meiner Innen-des-Jahres-Sammlung: Die gleich mehrfache Dresdnerin des Jahres namens Annamateur. Die Frau, die in der Szene “Grotesk-Chansonnière” gerufen wird, gab sich mit ihrem Programm “Screamshots” den Wiener Stadtsaal und damit das hiesige Publikum. Das kam spärlich – schließlich gab’s die Straße runter einen echten Blockbuster der guten Unterhaltung: das Wiener Stadtfest.

Kabarett, nächster Ausschließungsgrund, ist die Bühnenaction der Dame übrigens auch nicht. Vielmehr ist “Screamshots” eine irrwitzige Tour de Force einer Künstlerin, die zwischem schrillem Chaos und beklemmender Nachdenklichkeit keinen Punkt auf der Google-Maps-Landkarte der Emotionen auslässt. Stimmlich hat die Wuchtbrumme (so nennt man das körperliche Vollformat wohl in Deutschland) von der Opern-Koloratur bis zum Liebeslied alles drauf, inhaltlich ist eindeutig das Leben das Fette, an dem sie würgt. Was übrig bleibt, wird mit enormem Wortwitz verdaut, die deutsche Sprache ist für Annamateur bloß eine Folie, auf der sie Sinn und Wörter herumverschiebt. Ein Schatz für Neologisten!

Apropos Folie: Annamateur aka Anna Maria Scholz hat für ihr Programm eines der gefürchtetsten Folterinstrumente meiner Schulzeit reanimiert: den Overhead-Projektor. Wie viele Stunden, Tage, Wochen meines Lebens habe ich damit verbracht, im Halbdunkel eines Klassenzimmers gegen viel zu schnell weggezogene Folien anzuschreiben? Schon beim Gedanken an “den Overhead” bekomme ich Ganzkörper-Sehnenscheidenentzündung.

Für die Dresdnerin ist der Projektor hingegen ein Hilfsmittel zur Ausweitung ihrer Kampfzone: Mal lässt sie mit schrägen Dada-Zeichnungen ihre Sicht von Welt erstehen, mal gibt sie den oberlehrerhaften, pingeligen Erklärbären. Musikalisch zusammen gehalten wurde die flirrende Multipersönlichkeit von den “Außensaitern”, zwei prächtigen Sidemen: Christoph Schenker (Cello) und Samuel Halscheidt (Gitarre). Die beiden erdeten mit molligen, groovigen Jazz-Sequenzen den Furor der Hauptdarstellerin. Die hätte mit ihrer dringlichen Botschaft und dem Happening-Charakter der Show besser in eine überhitzungsbereite Raucher-Bar gepasst. Doch in Wien gibt’s leider nur Klientel-Locations – der einzige Makel an diesem kunterbunten Abend, immerhin.

Draußen vor dem Stadtsaal saßen dann RadfahrerInnen mit feierlich nach unten gezogenen Protest-Mundwinkeln auf dem Asphalt der gesperrten Mariahilfer Straße. Wie viele meiner Foren-Kunden werden da wohl sitzen, fragte ich mich. Die fragten sich: Was will der Typ in seiner Mad-Men-Gedächtnispanier? Nichts. Der trauert bloß. Das Ende der fünften Staffel ist eine schwärende Wunde. Besser wird Fernsehen nimmermehr.

The Loose Collective und die Vorhaut des Herzens.

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Es war also wieder einmal Zeit für etwas Bibel-Exegese. Konkret im Blickpunkt: das Alte Testament. Nämliches ist, abzüglich der real-existierenden Willkürdeutungen mancher Hardliner (Aurelius Augustinus!) und ähnlich kruder Auslegungen diverser Problem-Theologen, einfach ein gutes Buch.

Das klingt jetzt flach wie Marchfeld, wer aber erfahren will, warum unsere Gesellschaft so ist, wie sie nun einmal ist, wird in dieser Sammlung, vor allem den sogenannten Geschichts- und Lehrbüchern so ziemlich alles finden, was uns ein paar Jahrtausende später noch immer umtreibt. Inklusive allerlei Bekenntnissen zu Brutalität (Break their bones, and chop them in pieces; Micha 3:3) und großer Weisheit (Such as the workman is, Such also is the work; Esra 9:17) Das ist irritierend. Und beruhigend zugleich.

Abseits der soziologischen Auseinandersetzung, und das ist der eigentliche Reiz dieser Sammlung, lassen sich im Alten Testament schön-schrille lyrische Sentenzen identifizieren:

Circumcice the foreskin of your heart, and be no more stiffnecked. (Deuteronomium 10:16)

Derlei Erhellungen zur etwas anderen Beschneidungsdebatte hätte ich gerne einmal in der sonntäglichen Kanzelpredigt in der Kirche zu Haselbach gehört. Stattdessen musste ich ein paar Jahre warten, mich ins Museumsquartier zu Wien, genauer in die Halle G, begeben, um mich diesbezüglich von The Loose Collective informieren zu lassen. Die international besetzte Performance-Truppe mit Stammsitz Österreich gab ein Stück mit einem relativ selbsterklärenden Titel: “The Old Testament According To The Loose Collective“.

Fünf SängerInnen/ TänzerInnen interpretierten zur Musik von Guenther Berger und Stephan Sperlich (bekannt auch als die Combo 78plus) eine Auswahl an Zitaten aus der King James Bible von 1611. Teils gab es ganze Verse, teils Schnipsel samt Quellenangabe aus unterschiedlichen Büchern und Kapiteln. Weiters “beat-boxing” und “diaspora post punk”. Also alles sehr modern, hier.

Nun: Cut-up ist ja ganz prickelnd, wenn Aussagen miteinander kollidieren, der Sinn des Gesagten in der Mitte eines Satzes einen gepflegten U-Turn macht. Ein “If we” von Hosea mit einem “do not” aus der Genesis zusammen zu schrauben, ist indes weniger prickelnd, sondern schlicht beliebig. Schlüssig wurde die an sich charmante Idee erst, wenn einzelne Sätze oder längere Sequenzen miteinander verquickt wurden.

Das war’s dann aber auch schon mit Negativ-Kritik aus der leider bloß halbleeren Halle. Schließlich zeigten The Loose Collective, dass Performance und ihr schönerer Bruder, der zeitgenössische Tanz, mehr sind, als bloß Posing und der in der Branche ansonsten obligate Nippel-Alarm. Den Akteuren, eingekleidet in altrosa eingefärbtem Seventies-Gartenparty-Trimm, gab die Inszenierung genügend Raum, um Text als auch Darstellung ohne Reibungsverluste über die Rampe zu bringen. Gleichzeitig widerstand die Truppe der Versuchung, in eine platte Anklage abzubiegen.

Schön schrummten die sperrigen Sätze, der Lichtverantwortliche zeigte, wie mit einem echten Konzept und sparsamen Akzenten ein tolles Bühnenbild hinzubekommen ist, die Musik (Massengitarren-Szene!) hatte Weckruf-Moment sowie Club-Potenzial, poppte aber auch locker dahin. Witzig war’s auch, aber nicht verblödelt. Ein großer Moment des kollektiven Fremdschämens beendete schließlich einen klugen, schicken Abend: Vergeblich animierte eine Akteurin das Publikum, in den Text miteinzustimmen. Die Frau blieb zwar sympathisch hartnäckig – aber Wien blieb very, very stiffnecked.

Wir gingen hin in Frieden und rätselten über einer entscheidenden Frage:

Is there any taste in the white of an egg? (Hiob 6:6)

Linz, ein Musiktheater.

Linz? Von Pöstlingberg, Westautobahn und Voest-Fabriksgelände eingefriedete Tristesse. Die Landstraße: Schlecht hektographierter Liebreiz der Grazer Innenstadt. Der Hauptplatz: Aufbackversion diverser Zentren noch diverser Bezirkshauptstädte. Die Menschen: zählen zu den freundlichsten, unverstelltesten, aufgeschlossensten der Republik – abgeworfen wurden sie jedoch in einer lähmend langweiligen, mit Sechzigerjahre-Wohncontainern vollgestapelten Agglomeration, als deren prickelndster architektonischer Leistungsbeweis das Hinweisschild Richtung Autobahn galt. So war das damals, vor 20 Jahren, wenn es einen in die oberösterreichische Landeshauptstadt verschlug. Heute ist Linz die spannendste Großstadt des Landes. Die einzige, die sich nicht vergangenheitsbesoffen an kulturelle Tradition, die Bewahrung von innerstädtischem Zuckerbäckerstil und mit Souvenirläden vollgeräumter Altstadt-Romantik klammert. Eine Stadt, die sich mangels Bedenkenträgern freispielen und gar nicht anders konnte, als ihr Heil in der Zukunft zu suchen.

Das erste Ars Electronica Festival, vor über 30 Jahren bloß ein Spin-Off der im Vergleich zur Wiener Kulturmaschinerie und dem Festspielreigen an der Salzach bemühten, aber bloß zart ausstrahlenden Brucknerfestspiele, war ein erstes, vielversprechendes Statement. Nicht mehr. Doch je größer, wirkmächtiger das Festival wurde, umso mehr wuchs offenbar die Lust, das Moderne und damit zeitgenössische Kunst zu institutionalisieren. Im Windschatten einer schwierigen, entbehrungsreichen Transformation einer Industriestadt in ein Wirtschaftszentrum von mitteleuropäischem Format setzte die Stadt einen Markstein nach dem anderen: das Offene Kulturhaus, das Lentos, das Ars Electronica Center, schließlich die Inszenierung als Europäische Kulturhauptstadt im Jahr 2009 .

Und jetzt: das Musiktheater Linz. 180 Millionen Euro teuer. 1200 Sitzplätze. Bereits vor der Eröffnung als Glückfall für die Stadt als auch das Land ausgerufen. Ein Kunsttempel mit Ganzjahresbetrieb, den nach langem, widerwärtigem Gezerre nicht einmal mehr die Lodenjanker- und Wehrsportübungspartei verhindern konnte.

Das Schönste, nachgerade Beeindruckendste ist jedoch, dass der weit ausgreifende, am Volksgarten gelegene Bau trotz seiner Proportionen, nicht in den Verdacht gerät, ein Metall und Stein gewordenes Denkmal der Initiatoren, Architekten, Bauherren und Financiers zu sein. Hier steht kein neureicher Monumentalbau, kein hochbetoniertes politisches Statement, sondern ein schmuckes, sympathisches, selbstbewusstes Gebäude, das sich gar nicht als Konkurrent zu Wien und Salzburg gebärden will, sondern einfach als prächtige Ergänzung im österreichischen Kulturbetrieb verstanden werden will. Zugleich ist es Architekt Terry Pawson gelungen, ein Haus zu konzipieren, das sich zum einen eindeutig als Kulturträger und nicht als aufwändigere Messehalle zu erkennen gibt. Zum anderen passt der Charakter des Gebäudes trefflich zu seiner Umgebung, also Linz. Weder in Salzburg noch in Wien würde diese Architektur funktionieren.

Und damit zum ersten Acid-Test für das ambitionierte Mehrsparten-Haus: Die Oper “Spuren der Verirrten” von Philip Glass, eine Vertonung des gleichnamigen Stücks von Peter Handke, ein Auftragswerk anlässlich der Eröffnung des Hauses. Das Bruckner-Orchester Linz unter Leitung von Dennis Russell Davies war aufgerufen, David Pountneys Inszenierung mit Glass’schem Wohlklang auszumalen. Mehr als zu hören gab es jedoch zu sehen: Ganz im Gegensatz zum zurückgenommenen Charakter des Hauses war der Regisseur offenbar darauf erpicht, das Werk des Amerikaners als Kampfansage wider die namhaften Bühnen dieser Republik zu positionieren.

Über 2 Stunden 15 Minuten hinweg wurde da ein visuelles Feuerwerk abgebrannt, wurden prächtige Kostüme hergezeigt, das gesamte Arsenal an knalligen Bühnen-Effekten aufgefahren. Dazu gab’s viel zeitgenössischen Tanz (Ballett des Landestheaters), dem gefühlt sämtliche Chöre des Landes zuarbeiteten (Chor und Extrachor des Landestheaters, Kinder- und Jugendchor des Landestheaters, Gastchöre des Landes Oberösterreichs), sogar die Zuseher wurden einbezogen (ein Schauspieler gab, stellvertretend, die Stimme des Publikums; ein alter Handke-Schmäh). Es schien, als hätte sich Poutney den Auftrag auferlegt, den ultimativen Leistungsbeweis anzutreten, um die teuren Investitionen in Bühnenmechanik und Lichtspiele zu rechtfertigen. Die Drehbühne lief auf Dauerrotation, aus dem Schnürboden wurde im Akkord Buntes, Irisierendes abgesenkt und wieder in den selbigen gehievt. Von den Seiten strömten Dutzende Komparsen und Sänger herzu und traten nach Kurzgastspielen wieder ab. Jedes Bild eine neue, pralle visuelle Phantasmagorie. Da wollte einer sicher gehen, dass riesenlettergroße Nachfragen der Gratis- und Toilettenpostillen ausbleiben: Wofür die teure Technik? Warum das neue Haus, wenn’s dann ohnehin nur ein subtiles Kammerspiel gibt? Stattdessen also André Heller con Vollgas, sicherheitshalber.

Dabei hätte ausgerechnet Handkes sperrige Textvorlage viel Luft und den ein oder anderen kontemplativen Moment benötigt, um zur Geltung zu kommen. Opern-Libretti sind ja ohnehin meist bloß ein Drahtgestell, auf der die Musik rankt. Hier ist der – im Vergleich zu Bühnenstück eingekürzte Text – bloß eine Reihe von vertonten Slogans. Philip Glass hingegen ist Philip Glass. Samt den charakteristischen, repetitiven Streicherschüben mit hohem Fagott- und Oboen-Anteil. Immer wieder tauchen in die “Spuren der Verirrten” Melodiebögen mit hohem Wiedererkennungsfaktor auf – oder sind einem gewisse Sequenzen, abgewandelt, aus anderen Glass-Stücken einfach schon längst vertraut?

Als dann im letzten Akt auch noch das Orchester aus dem Graben geliftet wird und die Musiker von der so entstandenen Vor- auf die Hauptbühne wechseln (die Drehbühne dreht und dreht sich), hat man endlich alle technischen Spezialitäten des Hauses vor Augen geführt bekommen. Nun ist gewiss: jeder Cent wurde gut investiert. Nun ist auch gewiss: Da wollten einige viel zu viel, das Musiktheater Linz, ein bestens veranlagter, vielversprechender Debütant hat schlichtweg überpowert. Sehens- und erlebenswert war die Premiere allemal. Nicht zuletzt aber war dieser Abend der Erweckungsmoment für eine echte Alternative in der heimischen Kulturlandschaft. Was die Landeshauptstadt, was das neue Haus in den nächsten Jahren daraus macht, weiß nur die Zukunft. Aber um die ist es in Linz gut bestellt.

Musiktheater Linz

 

Piotr Anderszewski: Bach, Janáček, Beethoven

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Piotr Anderszewski, so geht die Fama, habe in jungen Jahren bei einem Klavierwettbewerb in aussichtreicher Position liegend plötzlich den Vortrag abgebrochen, weil ihm sein Spiel zu stümperhaft erschien. Der Eigensinn hat den Polen dennoch nicht davor bewahrt, eine würdige Karriere hinzulegen. Diesmal im Konzerthaus: der Obige mit Werken von Johann Sebastian Bach (Englische und Französische Suite), Leoš Janáček (Auf verwachsenen Pfaden) und Ludwig van Beethoven (Sonate As-Dur op. 110 von 1821).

Letzteres Stück war die Entdeckung des Abends. Schließlich zerlegt der Meister die Exposition ziemlich rustikal, nimmt bei den Klangfolgen teils harte Abzweigungen und schraubt das Ganze im zweiten Teil ziemlich kompromisslos und gar nicht der reinen, klassischen Lehre folgend wieder zusammen. Leise klingt da, so glaubt man zumindest, die Wiener Schule durch. Der Mann war seiner Zeit um Jahrzehnte voraus. Hauchzarte, dunkelschwarze und nicht minder komplizierte Tonfolgen wechseln sich mit transparenten, ausbalancierten Klängen ab. Zum Schluss ein Tusch mit Anlauf – und der Vortragende hätte den Abend auch schon wieder beenden können. So vielgestaltig, so sättigend war das. Und Anderszewski? Hatte das Aufgabenstellung voll im Griff, hatte das Stück maximal ausgeleuchtet, ohne dem Hang zu starkem Posing nachzugeben. (Nur manchmal blitzte das Ego durch, wurde aber rasch zurück gedimmt.) Großartig!

Souverän der Janacek, zu dem ich jetzt nicht viel sagen kann, weil ich mich noch ein wenig in sein Werk einarbeiten muss. Blendend, vorbildlich tänzelnd und doch präzis mathematisch: die beiden Bachs. Schwer vorstellbar, dass das einmal Tanzmusik war. Erhellendes steht der Bedeutung des Tanzes und ganz speziell zur besonderen Rolle des Tanzlehrers im 18. Jahrhundert im Programmheft, Rudolf Klein hat diesen kleinen Schatz aus dem Archiv gehoben: “Der Tanzlehrer hatte eine überragende Stellung: An Universitäten und Ritterakademien war er gewöhnlich der am höchsten Besoldete des ganzen Professoren-Kollegiums, und seine Lektionen galten mehr als die Vorlesungen über alte Sprachen, Mathematik und Philosophie.”

Heute instruieren sie zum Gaudium des Volkes öffentlich-rechtliche Tanzbären. Wie sich die Zeiten ändern.

Vienna City Marathon 2013.

Impressionen vom Vienna City Marathon 2013 bei Kilometer 18,5 und damit im Herzen von Rudolfsheim-Fünfhaus.